Developer, designer, educator and occasional writer based in Vienna.
Eine dreiteilige Collage, die Heferl mit zwei Trinköffnungen andeutet.
Illustration von Iris Karl

Gibt es Design ohne Probleme?

* Die hier erarbeitete These ist aus eigenen Beobachtungen und im andauernden Austausch mit befreundeten Gestalter:innen gewachsen. Wir und Uns wird in diesem Text deshalb aus einer gewissen Solidarität gebraucht und soll nicht andere Perspektiven ausgrenzen und Erfahrungen absprechen. Ganz im Gegenteil: Vielmehr geht es mir darum, einen gemeinschaftlichen Diskurs zu finden und sich überlappende Arbeitsprozesse besser aufzeigen und verstehen zu lernen.

Als Gestalter:innen suchen wir um uns und in uns permanent nach Problemen. Das wird meistens nie so direkt ausgesprochen, doch es ist dieser latente Grundsatz, der sich hartnäckig als wesentlich im Selbstverständnis des Designs eingenistet hat. Das Problem ist aus historischen und aktuellen Designdiskursen nicht wegzudenken, treibt diese geradezu an.

Der Blick zurück

Ein kurzer Blick in die jüngste Geschichte scheint diese These zu bestärken. So denkt schon 1973 der Soziologe und Designtheoretiker Lucius Burckhardt Design als Aktivität der Problemlösung: „Das Ziel jeder Planung ist die Beseitigung von Störungen.“ Um 1980 führt er diese Behauptung genauer aus: „Beginnen wir also mit dem Entwurfsprozess. Hier stellten wir schon Eingangs fest, dass der Designer die Welt einteilt nach Objekten anstatt Problemen. […] So muss sich das Design öffnen zu […] einem Nachdenken über Problemlösungen […].“

Burckhardt exponiert hier zwar die Dissonanz zwischen Problem und Lösung, doch lässt diese als Hauptaugenmerk und treibende Kraft weiter bestehen. Und auch 2017 hält Jarrett Fuller im Gespräch mit der Gestalterin und Designpädagogin Juliette Cezzar fest: „Every designer thinks that everything is a design problem. And even this trope that design is problem-solving somehow trains you to see everything as a problem that needs to be solved trough design.“

Infolge einer Pandemie und der gegenwärtigen Klimakrise rückt Design, das Gesellschaftliches kritisch reflektieren und mitgestalten will, spätestens 2021 zurecht immer mehr in den Mainstream der Lehr- und Gestaltungspraxis: „Das spekulative Design ist die einzige Zukunft des Designs. Es verfolgt den Ansatz der Problemlösung, statt nur zu produzieren. Im besten Fall löst es sich vom Individualismus und widmet sich größeren Problemen.“ , so der Designer und Autor Matteo Guarnaccia. Im Allgemeinen scheint mir also, dass (westliches) Design quer durch die Jahrzehnte und Disziplinen bis heute als Problemlösungsaktivität gelebt wird. Dieses Gestaltungsverständnis konsequent zu Ende gedacht, macht letztlich alles zu einem Designproblem, oder vereinfacht gesagt: zu einem Problem.

Der Blick nach Außen

Überall Probleme?

Wie schaut ein:e zeitgenössische:r Gestalter:in also auf die Welt? Ausbildung, Selbstverständnis der Disziplin und Sensibilität lehren mich, Objekte als problematisch und Probleme objekthaft zu fassen. Der Blick schweift, fokussiert, verschwimmt, springt. Wo fängt man an, wo hört man auf? Ein Gefühl der Ohnmacht und Überwältigung macht sich breit. Habe ich etwas übersehen? Ist mein Konzept das stärkste? Wie relevant ist das überhaupt? Habe ich das richtig verstanden? Und jetzt?

Ursache und Wirkung

Die von Burckhardt vorgenommene Einteilung der Welt in Probleme anstatt Objekte erfordert in diesem Zusammenhang noch eine vertiefende Priorisierung der Ursächlichkeit, nämlich vom Problem zum Bedürfnis. Ein Problem ist nie universell, sondern immer situativ bedingt und Ausdruck unbefriedigter Bedürfnisse. Und es ist genau diese Bedürfnis-Frage, die eine sich unaufhörlich wandelnde Herausforderung für Gestalter:innen darstellt.

Mehr als (m)eine Perspektive

Sie steht im Konflikt mit dem vorherrschenden patriarchal geprägten Designverständnis, das eine einseitige und antidemokratische Arbeitsweise impliziert und großen Teilen der Öffentlichkeit ein Recht auf Mitgestaltung abspricht. Das halten auch die Kulturwissenschaftlerin Claudia Mareis und die Grafikdesignerin Nina Paim fest: „Historically, Western design as a professional and academic field has been a narrow and exclusive domain that often imagines itself as universal. Striving to define ideals and norms, the modernist lineage of design has proved largely ignorant of its all-pervasive anthropocentrism and exclusionary assumptions […].“ Ob etwas funktioniert entscheiden nicht Designer:innen, sondern die Betroffenen.

Das überwältigende Gefühl der unzähligen Probleme ist das Ergebnis der Dissonanz zwischen der eigenen Position und den multiplen Positionen anderer. Eine Erfahrung, die sich nur in enger gemeinschaftlicher Zusammenarbeit auflösen lässt. Es braucht demzufolge konkrete, inklusive Antworten, die vielschichtige materielle und gesellschaftspolitische Logiken mit einer hohen Sensibilität und Aktualität synthetisieren müssen. Der Blick nach Außen ist also immer auch ein Stück weit die Auflösung der eigenen Körperlichkeit – ein Prozess der Aufgabe von Gewohnheit und Annahme von Unsicherheit.

Selbsterhaltung und kapitalistische Ausbildung

Den Objekten, die uns (aus unseren Körpern) herausfordern, kommt im kapitalistischen Ordnungssystem noch eine weitere Funktion zu, nämlich die der ökonomischen Legitimierung der Designindustrie selbst. Hier lässt sich an die These von Fuller und Cezzar anknüpfen: Ein Problem wird erst zum Designproblem, wenn es als ein solches benannt wird. Das ist natürlich etwas paradox, aber gegenwärtige Praxis. Wir projizieren Probleme auf Situationen und Objekte, um diese mit einer Aufgabenstellung aufzuladen. Und für diese nun benannten Irritationen können entsprechende Abhilfen produziert werden – das Problem wird zur Grundbedingung der Designarbeit. Oder anders gesagt: Erst das Einrahmen des Gemüsebeets macht das Kraut zum Unkraut.

Einfache Produkte für komplexe Beziehungen

Diese Formel von Designobjekt = Lösung ist ein Nachhall der guten Form und verschleiert nicht zuletzt auch die sozialen, ökologischen und politischen Strukturen, die Leben, Arbeit und Produktion bedingen. Hier bloß die technische Funktionalität als Lösung zu denken ist ignorant, so auch der Grafikdesigner Eric Hu: „Design shouldn’t just be functional. It’s also a shell that transmits cultural ideas. Design is a reflection of culture and cultural artifacts will last a lot longer than their utility and use.“ Gesellschaften sind durchdrungen von relativen, dynamischen und integrierten Konflikten, maximale Lösungen sind nicht möglich. Das funktionale Designobjekt soll über diese Diskrepanz und permanente Unsicherheit hinwegtäuschen, verhindert somit eine Ambiguitätstoleranz .

Nicht alles ist schlecht

Trotzdem werden wir als Gestalter:innen oft dazu gedrängt, isolierte (materielle) Lösungen für relative (immaterielle) Missstände zu (er-)finden und Problemfelder abzustecken. Und so wird unsere Umwelt zu einer stetig wachsenden To-do-Liste, die das Problem naturalisiert und inhärente Komplexität als Defekt manifestiert. Wir misstrauen und verdächtigen Dinge einer gewissen Doppelbödig- und Unzulänglichkeit, anstatt Uneindeutigkeiten auszuhalten und das Schöne zu unterstreichen.

Der Blick nach Innen

Permanente Selbstkritik

Die Aufmerksamkeit auf unsere inneren Welten gerichtet, sehen wir uns mit ähnlich reibenden Prozessen konfrontiert. Ein Versuch, den aktuell gelehrten und praktizierten Arbeitsmodus zu beschreiben, könnte in etwa so lauten: zuerst ist die Idee, dann die Analyse jener Idee. Egal ob an einem einzelnen Einfall festgehalten und dieser zyklisch weiterentwickelt wird, oder ein Buffet an Möglichkeiten gesammelt und im Auswahlverfahren gegenübergestellt und gewertet wird, so ist doch im Kern dieser Entwurfsprozesse eine permanente Selbstkritik und -befragung maßgebend. Dieses durch Beanstandung und Iteration getriebene Streben nach Verbesserung – teils konkret, teils spekulativ – fällt wieder in das Muster der Problemlösungsaktivität. Nur eben, dass diese Kritik jetzt nicht länger auf das ursprüngliche Problem an sich, sondern ganz auf die potentiellen Lösungen davon übertragen wird.

Hmm…

Ist diese Farbe passender oder doch die? Welche Form hebt sich am meisten ab? Ist die Referenz zu offensichtlich und stört mich das? Welches Material für den Umschlag? Wiederhole ich mich in meiner Arbeit? Was ist mein Stil? Warum ist da eine Linie und nicht dort? Macht das Sinn? Ist es umprofessionell spontan zu entscheiden? Wird der Webserver nachhaltig betrieben? Ist die Schrift hier doch zu klein? Und wer hat sie entworfen? Ist das wichtig? Warum habe ich hier so und da anders gedacht? Es kommt zur Suche nach Problemen innerhalb der Problemlösungen, die erst überwunden werden müssen – ein mühseliger und konfrontativer Prozess.

Auflösung

Dieser sehr direkte Umgang bildet den (selbst-)kritischen Gegenpol zur aktuellen Affirmations-Kultur, die hier auch als eine Reaktion auf jene internalisierten Abwertungen eingeordnet werden kann. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken und Entwürfen lässt uns spüren, dass viele Probleme nicht wie gelehrt und anfangs angenommen maximal klärbar sind. Vielmehr ermöglicht sie Gestaltung als eine poröse Membran, die Äußeres integriert und Inneres freilegt. Lösungsversuche entspringen also immer einer individuellen Perspektive, die in sich nie vollendet und absolut ist und sein muss.

Unmögliche Perfektion

Doch es ist diese auf- und abwertende Beziehung zur eigenen Gestaltung, die nicht nur andauernd am Selbstwert zehrt, sondern sich auch einer Produkt-Wellness verschreibt, die noch besser, noch schöner, noch cleverer, noch… sein möchte. Westlicher Fortschrittsglaube meets Warenfetisch. Problemlösungsversuche werden zu Identifikationsobjekten (Haltung™), deren Entwicklung mit der Verbesserung des Selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis gerät. Bedeutet ein Scheitern der Lösung also auch das Scheitern der eigenen Position? Ich glaube nein. Auch das Konzept Wellness besagt: „You don’t get good, you get better.“ Es geht nicht um das Erreichen einer perfekten Form, sondern um ein stetes Annähern an ein relatives Ideal. Scheitern ist hier also nicht länger das Verfehlen eines Ziels, sondern das Stillstehen.

Uneinigkeit

Was demgegenüber Spannung erzeugt ist eine gewisse ideelle Vorstellung, die im Gestaltungsprozess vor dem geistigen Auge entsteht und sich mit der Zeit materialisieren muss. Im Übergang vom Abstrakten zum Konkreten kommt es unausweichlich zu Kompromissen und Zugeständnissen, denn vielschichtige gesellschaftliche, politische und ökologische Kräfte formen unser Gestalten aktiv mit. Dabei erleben wir eine unauflösbare Uneinigkeit zwischen progressiven Lösungsversuchen und restlosen Lösungsergebnissen. Denn schon seit der Antike wird behauptet: „[…] the beautiful object is one which has the ideal structure of an object; it has the form of totality. […] Its form is clear and distinct. Internally it exhibits coherence; externally it establishes a sharp boundary between itself and the world.“

Totale Strukturen

Weiter beschreibt der Kulturkritiker und Architekturtheoretiker Mark Cousins die Unmöglichkeit des isolierten Artefakts (Designobjekts) und zeigt, dass auch die damit verbundene Annahme von Perfektion eine unrealistische ist: „This establishes a relation between perfection and the idea of the beautiful object. […] The perfect object is, rather, one which is finished, completed. Any addition or subtraction would ruin its form. The idea of being finished relates, not to an aspect of the duration of the work, but to the expression of an indivisible totality.“

Totale Strukturen also? Yikes… Es ist diese überholte absolutistische Annahme, die Perfektion mit einem Abschluss gleichsetzt, die immer noch über viele Ebenen und Dynamiken internalisiert und praktiziert wird – gegen das eigene und gemeinschaftliche Wohlbefinden.

Der Blick nach Vorne

Ist Design also eine Problemlösungsaktivität? Das Problem (unbefriedigtes, individuelles Bedürfnis) als Grundvorraussetzung von Designarbeit ist für mich insofern unvermeidbar, als Gestaltung immer vermittelnden Charakter hat, sich mit vieldeutigen Situation befasst. Falsch ist aber, zu behaupten, diese Situationen seien maximal lösbar. Es braucht also einen aktualisierten Sprachgebrauch – insbesondere der Begriffe Problem und Lösung – der mit dieser einseitigen, absoluten und binären Einordnung bricht:

1. Das Wort Problem impliziert eine isolierte Aufgabe mit dem Ziel der Auflösung anstatt einer Transformation. Auch ist dieser Begriff sehr konfrontativ konnotiert, erzeugt oft oppositionelle Parteien. Dem kann differenzierend gegenübergetreten werden, indem mehr in relativen und zeitlich veränderlichen sozialen und kulturellen Spannungen, Missverständnissen, Ungleichheiten, Störungen, Widersprüchen, Leiden, Bedürfnissen, Überlappungen, … gedacht wird. Das Problem als Moment des gemeinschaftlichen Kennen- und Verstehenlernens, ein Offenlegen von Fremdheitserfahrungen.

2. Auch im Begriff der Lösung versteckt sich die Absolution, die ein Gegenüber auf Augenhöhe kaum zulässt. Die gute Form benutzt als Norm die Zielerfüllung. Sie folgt und erhält Rationalität. Viel eher braucht es hier einen Ansatz der (mehrmaligen) Veränderung, Synthese, Verschiebung, Akzentuierung, Sichtbarmachung, … Lösungsvorschläge und Problemfindung statt Problemlösung. Weg von der ideellen Isolierung eines Gegenstands. Eine Disziplin, die sich nicht länger rein am Objekt-Produzierenden, sonder am Prozess-Entwickelnden und -Partizipierenden orientiert.

3. Gestalterisches Entwerfen als Aktivität, die sich für kooperativen Diskurs und inklusive Zusammenarbeit einsetzt. Für ein Selbstverständnis der Disziplin als Vermittler:in, Moderator:in und Zeuge:in. Für ein Denken in relativen Verhältnissen, nicht absoluten Formen. Erfahrungen finden immer innerhalb gesellschaftlicher Institutionen statt, die sie organisieren. Je mehr sich Designarbeit davon entfernt und isoliert, umso autoritärer werden Problemidentifikations- und Lösungsfindungsprozesse.

Was ist es also, das zeitgenössische Gestaltungsarbeit mit uns macht? Warum tut Design weh, jedenfalls gelegentlich? Unter uns erzeugt sie FOMO und korrosive Selbsterhaltungstriebe, in uns permanente Selbstkritik und zehrende Perfektionsgedanken. So zumindest meine Wahrnehmung. Die zunehmende gesellschaftliche Betonung der Autonomie lässt uns glauben, der Hauptgrund und die Schuld an den oben beschriebenen Effekten und Erfahrungen entspringe allein persönlichen defizitären oder sogar pathologischen Dispositionen. Wichtig ist hier aber entgegenzubringen, dass diese Umstände der Individualisierung, Selbstkritik und Suche nach Anerkennung entscheidend von kapitalistischen, kulturellen und normativen Strukturen erzeugt und aufrechterhalten werden.

Auch wenn diese Feststellungen ein teilweise negatives Bild zeichnen, so haben sich mir im Ausformulieren doch viele komplexe Gefühle eröffnet, die mein zukünftiges gestalterisches Handeln bestärken werden. Wie eine kleine verbale Landkarte verzeichnet dieser Text für mich nun Eindrücke, Prozesse und Möglichkeiten, die ich bis dahin nur unscharf aufgesammelt habe.